Welche Kamera wählen – Nikon oder Canon oder …?

Oliver M. Zielinski Oliver M. Zielinski - 25. Oktober 2021 - in: Ausrüstung

Welche Kamera wählen - Nikon oder Canon oder ...?Es ist für den Laien nicht so einfach, sich guten Gewissens für die eine oder die andere Kameramarke zu entscheiden. Nikon oder Canon oder Sony oder Panasonic oder doch Leica oder ganz was anderes? Fragt man 100 Hobby-Fotografen, welche die beste Kameramarke sei, erhält man wahrscheinlich 10 unterschiedliche Antworten und ist damit genau so schlau wie zuvor. Profi-Fotografen starten jedoch sofort die Gegenfrage: „Was willst Du denn hauptsächlich fotografieren?“ Denn sie kennen die Unterschiede zwischen den einzelnen Marken und Kameraklassen aus Erfahrung besser und können den Frager somit in die richtige Richtung lenken. Oder man folgt den Empfehlungen der Fachverkäufer, die aber womöglich – völlig vorwurfsfrei – eigene Verkaufsziele im Hinterkopf haben.

Ich sage es gerade heraus: Ich fotografiere mit Nikon. Seit fast genau 30 Jahren. Und ich bin damit sehr zufrieden. Weshalb das so ist, lesen sie am Ende des Beitrags.

Aber dennoch kenne ich inzwischen sehr viele verschiedene Kameras unterschiedlichster Marken und Klassen und weiß um ihre guten und schlechten Seiten. Bis heute habe ich mich in meinen Fotoworkshops zur Immobilienfotografie mit über 170 verschiedenen Kameramodellen meiner Teilnehmer intensiv auseinandergesetzt* und dabei manchmal Überraschendes festgestellt. Außerdem übernehme ich im Kundenauftrag die Bildbearbeitung von deren Immobilienfotos. Hier landen die Ergebnisse aus unterschiedlichsten Kamera-Objektiv-Kombinationen auf meinem Rechner. Insofern kann ich mir ganz sicher ein gerechtes Urteil erlauben.

Auch wenn nachfolgend Kameras pauschal über den Markennamen beurteilt werden, mögen einzelne Modelle herausragen. Detaillierte technische Bewertungen gibt es auf der Website DXOMark.

Wichtige Kriterien für die Markenqualität

Datenblätter mit Grundeinstellungen

Jeder Teilnehmer meiner Workshops erhält ein Datenblatt. Darauf steht, wie er an seiner eigenen Kamera die Grundeinstellungen für Immobilienfotos vornimmt.

Bei meinen Workshops habe ich gesehen, welche Bildqualität die einzelnen Marken liefern. Alle Teilnehmer fotografieren im Workshop mit ihrem eigenen Equipment. Die Bilder einiger Freiwilliger landen direkt auf meinem Laptop, damit ich sie live in der Bildbearbeitung mit der finalen Politur versehen kann. So fällt die Einschätzung unter Real-Bedingungen sehr leicht.

Darüber hinaus weiß ich, wie gut oder schlecht die Bedienbarkeit ist, weil die Kameramenüs entweder logisch oder kryptisch aufgebaut sind, denn jeder Teilnehmer erhält von mir ein Datenblatt mit den Grundeinstellungen und einer Anleitung, wie er sie bei genau seiner Kamera vornehmen kann. Außerdem nehme ich viele Kameras selbst in die Hand und kann somit ein solides Urteil für die Haptik abgeben.

Zudem habe ich eine große Zuneigung zu Systemen mit Skalierbarkeit entwickelt, so dass man  ausgehend von einer Kamera und einem Objektiv mit vielen Erweiterungsteilen immer neue fotografische Herausforderungen bewältigen kann. Außerdem spielt das Modewort Nachhaltigkeit eine Rolle. Gut sind Systeme, deren alte Bestandteile man auch nach langer Zeit mit modernem Equipment betreiben kann. Ich habe beispielsweise ein Objektiv (Modelljahr 1986) von meiner ersten Nikon, das noch heute an allen modernen Nikon-Kameras Top-Fotos produziert. Kann man besser Geld und Ressourcen sparen, wenn eine zuverlässige Ausrüstung mehr als ein halbes Berufsleben lang hält?

Aber auch die Zuverlässigkeit spielt eine entscheidende Rolle, wenn es um die Einschätzung nach Gut oder Schlecht geht. Denn keinem Fotografen ist geholfen, wenn die Technik von sich aus plötzlich versagt. Kameras und Objektive sind Präzisionsinstrumente. Dennoch erleben sie häufig einen rauen Alltag. Sie müssen also auch gut einstecken können.

Kampf der Systeme – Nikon oder Canon

Landet man im Internet in einem Fotoforum, gibt es an irgend einer Stelle immer einen Disput über die „richtige“ Kameramarke. Schaut man genauer hin, geht es dabei dann häufig gar nicht um die Sache an sich, sondern darum, die eigene Investition in eine möglicherweise teure Kameraausrüstung vor sich selbst und vor den anderen zu verteidigen. Bis in die frühen 2010er Jahre prügelten sich hier hauptsächlich Nikonianer und Canoniere. Dann kamen die Sony-Fanboys hinzu, weil der japanische Elektronikkonzern als erster großer Player erfolgreich mit spiegellosen Kameras am Markt operierte. Und hin und wieder blitzten auch die Verfechter von Olympus-, Panasonic-, Fujifilm-, Pentax- oder Leica-Kameras auf. Überzeugende Argumente konnten aber nur wenige liefern.

Die gute Nachricht: Alle der genannten Marken machen heute wirklich sehr brauchbare Fotos. Dabei glänzt aber fast jede Marke in einem oder in mehreren Bereichen, wobei man manchmal zwischen den einzelnen Kameraklassen (Einsteiger, Amateure, Profis) innerhalb einer Marke unterscheiden muss. Auch der Jahrgang spielt eine Rolle, denn in der Vergangenheit war es so, dass etwa alle sieben Jahre die Technologien soweit fortgeschritten waren, dass man über eine neue Kamera nachdenken sollte.

*Hinweis

Die folgende Einschätzung beruht auf meinen subjektiven Erfahrungen mit den verschiedenen Kameramarken, -klassen und -systemen mit Blick auf die Fotografie von Immobilien, Architektur und Innendesign. Gleichermaßen findet sie Anwendung auf die klassische Architektur-, Städte- und Landschaftsfotografie. Für andere Genres wie Studio-, Hochzeits- oder Sportfotografie können andere Ergebnisse entstehen.

In meinen eingangs erwähnten Foto-Workshops erarbeite ich für jeden Teilnehmer ein Einstellungsblatt, das genau für sein Kameramodell gefertigt ist. Dazu setze ich mich im Vorfeld intensiv mit den Funktionen, Menüs und dem Handling auseinander. Zudem sehe ich im praktischen Teil des Workshops, wie diese Kameras sich im fotografischen Alltag bewähren. Das ermöglicht mir gleichzeitig einen sehr umfassenden Vergleich. Für die folgenden Kategorien und teilweise auch Unterkategorien konzentriere ich mich auf die drei großen Marken und vergebe 1 bis 3 Punkte.

Bildqualität

Zum Beispiel haben in der Einsteigerklasse Canon-Kameras eine schlechtere Dynamik (Details in hellen und dunklen Bildteilen) und ein stärkeres Rauschen (Unruhe in gleichfarbigen und dunklen Bildteilen) als die Einsteigerkameras von Nikon. Auch Sony hat inzwischen Nikon-Niveau erreicht. Hinzu kommt, dass die älteren Canon-Vertreter in diesem Segment mitunter unschöne Farben produzieren. Nikon ist also besser.

Nikon 3 Punkte    Sony 3 Punkte   Canon 1 Punkt

In der gehobenen Amateurklasse sind die Unterschiede bei Dynamik und Rauschen zwar immer noch vorhanden, aber sie sind nicht mehr so gravierend. Hier baut Canon aber Kameras, die besonders schöne Hauttöne erzeugen, während Nikon-Aufnahmen eher neutral ausfallen, so dass man in der Nachbearbeitung gegensteuern muss. Für Architektur- und Landschaftsmotive sind Nikon und Sony von Vorteil, während die Menschenfotografie mit Canon besser gelingt.

Nikon 3 Punkte   Sony 3 Punkte  

In der Profiklasse gibt sich eigentlich keine Marke irgend eine Blöße. Die Unterschiede hier fallen häufig marginal aus und werden bei der jeweils nächsten Kamerageneration wieder ausgeglichen.

Nikon 3 Punkte   Sony 3 Punkte   Canon 3 Punkte

Ich erinnere mich auch an einen meiner Workshop-Teilnehmer, der mit seiner Panasonic GH4 sehr rauscharme und detailreiche Immobilienfotos machte. Dabei wird diese Kamera gern von Videografen eingesetzt. Die Fotoergebnisse erstaunten mich, da diese Kamera einen vergleichsweise kleinen Bildsensor nutzt – dafür war sie zu dieser Zeit auch kein Schnäppchen.

Bedienbarkeit

Nikon hat seit dem Einstieg in den digitalen Kameramarkt um die Jahrtausendwende ein Kameramenü entwickelt, das logisch aufgebaut und einfach zu bedienen war. Dieses Menü wurde bis heute bei jeder Kamerageneration beibehalten und gegebenenfalls erweitert. Selbst das Layout hat nur marginale Veränderungen erlebt. (Never change a winning horse.)

Bei Canon hat es irgendwann einen Paradigmenwechsel gegeben. Man hat die Systemmenüs anders strukturiert und sogar mit Unterseiten versehen. Das erleichtert die Orientierung.

Sony hingegen ist bekannt für verschachtelte Menüs und kryptische Funktionsnamen, die eine zügige Bedienung oder das Auffinden von selten benutzten Funktionen erschweren. Mit der Einführung der α7S III hat Sony vor gut einem Jahr das Menüsystem jedoch erheblich überarbeitet, was auf Besserung auch für zukünftige Modelle hoffen lässt.

Nikon 3 Punkte   Canon 2 Punkte   Sony 1 Punkt

Auch bei den Schaltern und Knöpfen hat Nikon meiner Meinung nach die beste Haptik und die am klarsten definierten Druckpunkte. So kann man die Kameraeinstellung auch sehr gut nach Gefühl oder im Dunkeln verändern und gleichzeitig das Motiv im Blick behalten.

Nikon 3 Punkte   Canon 2 Punkte  

Bei den Objektiven sind mir einige Olympus- und Panasonic-Linsen im Gedächtnis geblieben, deren Drehringe sich sehr schön sanft gegen einem angenehmen Widerstand bewegen ließen und so ein Gefühl hoher Exaktheit vermittelten.

Skalierbarkeit / Nachhaltigkeit

Alle genannten Marken bieten Systemzubehör an, das sich an unterschiedlichen Kameramodellen aus dem jeweiligen Hause verwenden lässt.

Nikon verwendet beispielsweise seit über fünf Jahrzehnten den im Prinzip gleichen Objektivanschluss (F-Mount). Erst der Einzug der Elektronik in die Fotografie sorgte dafür, dass ganz alte Objektive nicht mit allen neuen Funktionen angesteuert werden können. Wenn man aber die moderne Kamera auf die rein manuelle Fotografie umschaltet, dann gelingen auch mit den alten Linsen sehr gute Aufnahmen.

Mit dem Einstieg in die spiegellose Fotografie hat Nikon einen neuen Objektivanschluss (Z-Mount) entwickelt, der eine kompaktere Bauweise bei besserer Bildqualität ermöglicht. Die meisten Funktionen älterer Objektive lassen sich aber abwärtskompatibel durch einen Adapter weiter benutzen. Gleiches ist bei den neuen spiegellosen Kameras von Canon zu vermelden.

Sony und Canon haben im Laufe der Zeit den Objektivanschluss geändert, so dass nur bestimmte Objektive an bestimmte Kameras passen. Für einige Modelle innerhalb einer Marke gibt es aber auch hier Adapter.

Nikon 3 Punkte   Canon 2 Punkte   

Zuverlässigkeit

Je höher die Kameraklasse, um so zuverlässiger sind die Kameras. Viele Hersteller geben irgendwo im Kleingedruckten an, wie viele Auslösungen eine Kamera in ihrem Leben machen kann. Das ist ein gutes Indiz für die Zuverlässigkeit. Selbst in der Einsteigerklasse liegt dieser Wert heute nicht selten im oberen fünfstelligen Bereich oder darüber. Diesen wird mancher Teilzeit-Fotograf nie erreichen.

Aber auch die Bauweise ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Mindestens ab der Amateur-Kameraklasse haben gute Apparate heutzutage ein (Teil-)Metallgehäuse. Aus Gewichtsgründen wird dabei oft eine leichte Magnesiumlegierung verwendet. Das erzeugt die benötigte Stabilität, um die Kamera auch im harten Einsatz betriebsbereit zu halten.

Nikon 3 Punkte   Sony 3 Punkte   Canon 3 Punkte

Warum fotografiere ich also mit Nikon?

Ursprünglich Schuld daran war die Zeitungsredaktion, in der ich vor über 30 Jahren mal als Jungredakteur gearbeitet habe. Die fest angestellten Fotografen liefen alle mit Nikons herum. Sie schwärmten für diese Produkte und machten richtig tolle Bilder damit. Diese Information aus erster Hand war für mich der Hinweis, auch auf diese Marke zu wechseln. Und ich wurde nicht enttäuscht. Zunächst bannten meine Spiegelreflexkameras (SLR) die Fotos auf Film. Ab 2004 fotografierte ich dann ausschließlich mit digitalen SLRs. Und nun gehe ich die ersten Schritte mit einer spiegellosen Digitalkamera.

Im Hinblick auf meine heutigen fotografischen Vorlieben: Für Immobilien, Innendesign und Architektur bieten Nikon-Kameras immer noch mit das beste Rauschverhalten und eine Top-Bilddynamik. Die Menüs sind super einfach zu bedienen. Meine alten Objektive kann ich an jeder neuen Kamerageneration weiterverwenden, muss also nicht bei jeder Kamera neu investieren, was mich gleichzeitig auch vom Systemwechsel abhält. Für die wenigen Defekte an meinen Nikon-Kameras waren ich selbst oder der allgemeine Verschleiß durch ausgiebigen Gebrauch Schuld. Ansonsten begleiteten sie mich klaglos durch heiße und kalte Gegenden, an den Strand mit Meeresgischt und in die Wüste mit Sandstürmen sowie auf diversen Roadtrips über Schotterpisten und bei Rockkonzerten mit wilden Tänzern und Bierfontänen. Was will ich mehr von einem Kamerasystem?

Meine Nikon-Kameras

  • 1991 F-601 (verkauft)
  • 1996 F5 (verkauft)
  • 2002 F80 (verschrottet)
  • 2004 D70 (abgeschrieben)
  • 2008 D300 (abgeschrieben)
  • 2013 D800 (Leihgabe, zurückgegeben)
  • 2015 D810 (Leihgabe, selten im Einsatz)
  • 2016 D750 (unverwüstliches Arbeitspferd)
  • 2017 D5300 (Backup- und Demokamera, verkauft)
  • 2020 Z 50 (Backup- und Demokamera)

#Transparenz: Dieser Beitrag wurde nicht von Nikon unterstützt. Nikon hatte vor der Veröffentlichung keine Kenntnis von diesem Beitrag. Er stellt ausschließlich meine subjektive Meinung zu den Produkten dieses Unternehmens sowie der Wettbewerbsprodukte dar.

Für die Fotografie von Architektur und Innendesign habe ich für verschiedene Marken Ausrüstungsempfehlungen zusammengestellt.

 
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