
Stellen Sie sich vor, Sie haben ein lichtdurchflutetes Penthouse fotografiert. Die Aussicht über die Stadt ist atemraubend, doch auf Ihren Fotos passiert das Übliche: Entweder ist der Innenraum perfekt belichtet und das Panorama vor dem Fenster ist eine rein weiße Fläche, oder die Stadt ist klar erkennbar, während das Wohnzimmer im tiefen Schatten versinkt. Über das Schicksal des Exposés entscheidet plötzlich nicht mehr Ihr Auge für das tolle Motiv, sondern vor allem das Dateiformat Ihrer Kamera. In der Immobilienfotografie begegnen uns ständig extreme Kontraste. Um diese zu bändigen, müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, die oft für Verwirrung sorgt: Sollten Sie in RAW oder JPG fotografieren? Und was passiert eigentlich bei der Bearbeitung hinter den Kulissen?
Daten-Schwergewicht gegen Sofort-Lösung – die Wahl zwischen RAW und JPG kann über Ihren Verkaufserfolg entscheiden.
JPG: Das fotografische Fertiggericht
Das JPG-Format (Joint Photographic Experts Group) ist der weltweite Standard. Jedes Smartphone und jede Kamera produziert es standardmäßig. Der Grund ist simpel: Es ist effizient. Ein JPG ist ein bereits in der Kamera entwickeltes Bild. Die Software der Kamera trifft Entscheidungen für Sie: Kontrast, Schärfe, Farbsättigung und Weißabgleich werden in das Foto „eingebacken“.
Journalistisch betrachtet ist ein JPG wie ein Zeitungsartikel, der bereits gedruckt ist. Sie können zwar mit einem Textmarker Passagen hervorheben oder mit weißem Korrekturlack Wörter löschen, aber die ursprüngliche Struktur ist fixiert. Für Makler bedeutet das: Wenn die Kamera den Weißabgleich falsch interpretiert hat und das weiße Badezimmer gelblich wirkt, ist es im JPG-Format schwieriger, dies ohne Qualitätsverlust zu korrigieren. Gleiches gilt für die starken Helligkeitsunterschiede zwischen Innen und Außen.
Da JPGs auf 8-Bit-Technologie basieren, stehen pro Farbkanal nur 256 Helligkeitsstufen zur Verfügung. Das klingt viel, führt aber bei intensiver Bearbeitung schnell zu „Banding“ – unschönen Farbabstufungen in homogenen Flächen wie Zimmerdecken und Himmelspassagen.
RAW: Das digitale Negativ
RAW bedeutet übersetzt „roh“. Und genau das ist es: die (nahezu) unbearbeiteten Rohdaten, die der Kamerasensor im Moment der Aufnahme einfängt. Ein RAW-Bild ist kein fertiges Foto, sondern eine Sammlung von Informationen. Es ist die Zutatenliste für ein Sterne-Menü, während das JPG ein gekochtes Fertiggericht ist.
Der entscheidende Vorteil für die Immobilienfotografie liegt in der Bittiefe. RAW-Dateien speichern meist 12 oder 14 Bit pro Farbkanal. Das bedeutet bis zu jeweils 16.384 Helligkeitsstufen. In der Praxis ist das Ihr Rettungsanker. Wenn ein Schatten im Flur zu dunkel geraten ist, stecken in der RAW-Datei oft noch Details, die Sie mit der geeigneten Software „hochziehen“ können, ohne dass das Bild auseinanderfällt.
Der direkte Vergleich in der Bearbeitung
Warum sollten Sie sich die Mühe mit RAW machen, wenn JPGs doch so viel kleiner und schneller sind? Betrachten wir drei kritische Szenarien der Immobilienvermarktung:
- Belichtungskorrektur: Ein unterbelichtetes RAW-Foto lässt sich oft um zwei bis drei Blendenstufen aufhellen, ohne dass die Bildqualität merklich leidet. Ein JPG würde in den dunklen Bereichen sofort zu pixeligem Rauschen und unnatürlichen Farben neigen.
- Lichterrettung: Erinnert Sie sich an das Fenster-Beispiel? In einer RAW-Datei sind in den hellen Bereichen (Lichtern) oft noch Informationen gespeichert. Durch das Reduzieren der Lichter im Bearbeitungsprogramm kommt die Aussicht oft wie durch Zauberei zurück. Im JPG ist ein „ausgefressenes“ Weiß einfach nur ein Informationsverlust – da ist nichts mehr zu retten.
- Farbtreue: Ein edler Parkettboden muss im Exposé auch nach edlem Parkett aussehen. RAW bietet den Spielraum, Farbstiche selektiv zu entfernen, ohne die natürliche Textur des Holzes anzugreifen.
Workflow und Zeitaufwand: Ein offenes Wort
Es wäre unehrlich, die Nachteile von RAW zu verschweigen. RAW-Dateien sind deutlich größer (ca. 3- bis 5-mal so groß wie ein JPG), was Ihren Speicherplatz schneller füllt. Zudem benötigen Sie eine spezielle Software (wie Adobe Lightroom Classic), um aus diesen Dateien fertige Fotos zu „entwickeln“. Ein JPG können Sie sofort auf das Portal hochladen – ein RAW muss exportiert werden. Es entsteht dabei meist ebenfalls ein JPG – aber mit den von Ihnen vorgenommenen, bewussten Änderungen.
Mein Fazit für Sie: Wenn Sie Standard-Mietobjekte in hoher Taktung fotografieren, mag JPG ausreichen. Wenn es jedoch um den Verkauf von Wohneigentum geht, wo jedes Bild die Wertanmutung transportieren soll, ist RAW alternativlos. Es ist Ihre Versicherung gegen schwierige Lichtverhältnisse und der Schlüssel zu einem Look, der sich von der Masse abhebt.
Meine Objekte werden immer und ausschließlich im RAW-Format fotografiert.
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