Preiswerter Fotorucksack Inateck im Test

Oliver M. Zielinski Oliver M. Zielinski - 25. April 2019 - in: Ausrüstung

Lesezeit: 8 Minuten

Jaja, ich weiß: „Wer billig kauft, kauft zweimal.“, „Qualität hat ihren Preis.“, „Für professionelle Ergebnisse braucht man Profiwerkzeug.“ und „Fettes Equipment schafft fettes Image.“

Diesen Weisheiten zum Trotz gehe ich kurz vor Ostern auf die Suche nach einem Fotorucksack der Einiges können muss, ohne gleich Riesenlöcher in die Ausrüstungskasse zu reißen.

Bislang verwende ich für meine mittelgroßen Fotoprojekte und auch für meine Workshop-Reisen die wirklich tolle große Schultertasche Jackpack 9000 des Fototaschen-Schneiders Crumpler und bin rein funktional damit sehr zufrieden. Nur mein Orthopäde rät mir nach Schulterbeschwerden strikt davon ab, die großartige Jackpack weiterhin voll beladen (immerhin 12 kg) zu schleppen.

Also suche ich nach einem Fotorucksack, der die Traglast am Körper viel besser verteilt. Schnell stellt sich heraus: Bei den bekannten Herstellern werde ich entweder nur bedingt fündig oder ein kleines Vermögen los. Im preiswerten Amazon-Regal finde ich dann einen passenden vermeintlichen No-Name-Rucksack und bestelle ihn. Das ist ein erster Test / Review.

Das sollte der neue Fotorucksack können

Dabei habe ich schon genaue Vorstellungen, die über die Standarderwartungen wie den sicheren Transport der wertvollen Ausrüstung und bequemes Trageverhalten hinausgehen. Schließlich soll der neue Lastenesel nicht nur meine Fotoausstattung sicher von A nach B bringen, sondern gleichzeitig auch handgepäcktauglich als Daypack für ein oder zwei Nächte das Überleben in der fremden Zivilisation sichern. Es kommt also auch auf die Größe an.

  • Mein 15-Zoll-Laptop sollte hineinpassen.
  • Er sollte ein separates gepolstertes Fach für mein iPad geben.
  • Das kleine Reisestativ sollte IM Rucksack transportiert werden können (und nicht außen angeschnallt).
  • Ich brauche ein leicht zugängliches kleines Außenfach für die Flüssigkeitensammlung, die vor Flugreisen mit Handgepäck präsentiert werden muss.
  • Außerdem sollte das Kamerafach eine interne Abdeckung haben.
  • Schön wäre auch ein schlichtes äußeres Design ohne viele Schnallen und Bänder, das nicht sofort den möglichen Inhalt verrät.

Die Kandidaten der ersten Runde

Das waren zunächst die Rucksäche der engeren Wahl (alle folgenden Produktlinks führen zu Detailinformationen auf Amazon.de):

Die Recherchen bei diesen wirklich großartigen Fotorucksäcken der Top-Marken Crumpler, Manfrotto, Think Tank und Lowepro ergeben aber immer, dass ich irgendwelche Zugeständnisse machen muss. Also wage ich den Blick unter den Tellerrand und freunde mich mit diesem Fotorucksack an:

Keine wirkliche Typenbezeichnung, sparsame Beschreibung, dafür aber ein attraktiver Preis von knapp 60 EUR (am 17.04.2019), abzüglich 7 EUR Gutscheinrabatt. Die vergleichbaren Markenprodukte liegen zwischen ca. 110 bis 250 EUR.

Auf dem Bildschirm scheint dieses Teil meine Wünsche im Wesentlichen zu erfüllen. Ich nehme das vermeintliche Risiko in Kauf und bestelle kurzentschlossen am Mittwoch vor Ostern, schon Donnerstag ist er da.

Der erste Eindruck

Im Gegensatz zu vielen Meldungen über preiswerte Taschen aus dem asiatischen Raum verströmt der Rucksack keinen chemisch strengen Geruch. Ok, er riecht zunächst ganz leicht muffelig, was aber binnen der ersten Stunde nach dem Auspacken komplett verfliegt.

Die Verarbeitung aller Nähte macht einen sehr stabilen Eindruck.

Der Fotorucksack von außen

Der Rucksack ist äußerlich groß, aber nicht monströs. Schließlich soll er ins Handgepäck passen. Auch aufgrund seiner schlichten Form macht er einen kompakten Eindruck. Es gibt ein einziges seitliches Spannband mit Schnalle, für die Außenmontage eines größeren Stativs. Das entferne ich gleich und verstaue es später in einer der Innentaschen.

Tragegurte und Tragegriff

Die Tragegurte sind breit und gut gepolstert. Über einen kleinen Brustgurt kann man sie auf langen Transportwegen vorn mit einander verbinden. Das Gute: Dieser Brustgurt ist leicht elastisch, so dass er bei spontanen Bewegungen nicht nachgibt und die Spannung hält.

An der oberen Verbindung zum Rucksackbody sind noch einmal Riemen und Schnallen vorgesehen, wie man sie von manchen Wanderrucksäcken kennt, um kleine Rollen (Isomatte, Schlafsack) oben auf dem Rucksack zu fixieren. Auf Produktfotos wird statt dessen eine alternative Transportart für ein Stativ vorgeschlagen. Das halte ich nicht für sehr bequem. Ich könnte mir hingegen vorstellen, dort auf längeren Touren eine Jacke oder einen Fleece-Sweater anzuschnallen. Im Moment sehe ich für dieses Ausstattungsmerkmal jedoch keine Verwendung. Also stelle ich die Riemen auf die gleiche Länge wie die Tragegurte ein. Damit liegen sie dicht an und stören nicht.

Oben am Rucksack ist ein gepolsterter textiler Tragegriff verbaut. Seine Funktion ist wohl selbsterklärend.

Reißverschlüsse

Die wichtigsten Reißverschlüsse sind spritzwassergeschützt. Zudem laufen Reißverschlüsse mit einem perfekten Widerstand (so wie ich es von meinem großen Lowepro Foto-RollkofferLowepro Fotokoffer kenne), lassen sich aber sehr bequem bedienen.

Material und Stabilität

Der Fotorucksack hat eine Außenhaut aus herkömmlichem derbem wasserabweisendem Nylongewebe. Spritzwasserschutz ist offensichtlich gegeben. Es gibt aber auch eine Regenhülle für den Einsatz bei Niederschlag.

Aufgrund der umlaufenden Schaumpolsterung und der festen Rückenpolster ist der Rucksackkorpus auch im geöffneten Zustand relativ formstabil und sackt auch leer oder halb beladen nicht zusammen.

Der Fotorucksack von innen

Um an das Hauptfach des Rucksacks zu gelangen, öffnet man den Rückendeckel an drei Seiten. Das hat den Vorteil, dass sich böse Buben nicht so einfach unbemerkt Zugriff auf den Inhalt verschaffen können, wenn der Rucksack auf dem Rücken getragen wird.

Der Rucksack ist mit wasserdichtem 190T-Polyester gefüttert (wird in der Amazon-Beschreibung allerdings fälschlich als Leinen übersetzt).

Trennwand

Zwischen Deckel und Hauptfach ist eine Netztrennwand verbaut, die mit zwei Reißverschlüssen gesichert ist. Sie verhindert, dass Equipment bei eiliger Handhabung oder bei luftiger Beladung herausfällt. Gleichzeitig bietet die schwarze Gaze einen leichten seitlichen Blickschutz auf möglicherweise wertvolle Ausrüstung.

Hauptfach und Trenner

Das Hauptfach selbst lässt sich durch verschiedene Nylontrenner mit sehr stabilen Schaumstoffkernen in einzelne Bereiche für Kamera, Objektive und Zubehör anpassen. Sie sind durch Klettverschlüsse mit einander und mit dem Korpus verbunden. Allerdings scheint die Einteilung nicht sehr flexibel zu sein, da die Befestigungspunkte durch Klettaufnäher vorgegeben sind. Ich werde wohl etwas tüfteln müssen, damit ich eine Version finde, mit der ich auch mein Reisestativ im Hauptfach platzieren kann. Wenn man die vorgegebene Einteilung verwendet, dann bleibt rechts und links vom Kamerabody viel Platz, den man mit weichem Equipment irgendwie sinnvoll füllen kann.

Seitlicher Zugriff

Für den aktiven Fotografen gibt es noch eine seitliche Tür. Über diese kann auch bei geschlossenem Hauptfach auf die innenliegende Kamera zugegriffen werden. Dazu einfach den rechten Schulterriemen abschnallen und den Rucksack über den linken Riemen nach vorn schwingen. Sofort präsentiert sich die Seitenklappe. Ihre Öffnung ist so groß, dass ich selbst eine Nikon D750 mit montiertem L-Winkel entnehmen kann, ohne anzuecken.

Innenfächer

Auf der Innenseite des Rucksackdeckels befindet sich ein flaches Netzfach  Das kann gut für Filter, Folien und anderes dünnes Zubehör geeignet sein.

Darunter ist ein flexibles Nylonfach mit Gummizug angenäht. Dieses eignet sich gut für unförmige Accessoires wie beispielsweise Kabel und Netzteile. Auf Reisen fixiere ich hier meine flache Wäschetasche für Hemden und T-Shirt.

In der seitlichen Tür gibt es zudem noch ein kleines Steckfach, das man für Speicherkarten oder ähnliche flache Gegenstände nutzen kann.

Notebook-Fach

Im Deckel, also zwischen Rückenpolster und Hauptfach, befindet sich ein durchgehendes Fach für ein 15-Zoll-Notebook, das von der Seite zugänglich ist. Mein 15,6-Zoll-Dell Inspiron mit 38 x 26 x 2 cm passt in der Länge gerade so durch die Reißverschlussöffnung.

Top-Fach

Im oberen Teil des Rucksacks gibt es ein kleines Fach, in dem die Regenschutzhülle steckt. Über einen Reißverschluss ist es von oben erreichbar. Hier können auch Kleinteile platziert werden, auf die man schnellen Zugriff braucht. Ich werde hier meinen handgepäcktauglichen Kulturbeutel verstauen, der somit bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen schnell präsentiert werden kann, ohne den gesamten Rucksack zu öffnen.

Seitenfach

An der Seite unterhalb der Aufnahme für ein Stativ befindet sich ein flexibles Seitenfach. Hier lässt sich entweder eine Wasserflasche bequem postieren oder aber eines der Stativbeine fixieren, falls doch der seitliche Transport in Frage kommt.

Außenfächer

Außen auf dem Rucksack geben verdeckte Reißverschlüsse zwei flache Fächer frei, in denen Papiere oder auch mein Tablet verstaut werden können.

Technische Daten (selbst gemessen)

Leergewicht
1.330 g
Außenmaß (B x L x T)
32 x 48 x 19 cm
(ohne Träger und Griff)
Innenmaße
Hauptfach (B x L x T)
30 x 38 x 19 cm
(leert man das Top-Fach, vergrößert sich die Länge auf 44 cm)
Tür für seitlichen Zugriff (B x L)
21 x 12 cm
Netzfach im Deckel (B x L)
29 x 18 cm
Nylonfach mit Gummizug im Deckel (B x L)
30 x 21 cm
Steckfach in der Seitentür (B x L)
13 x 11 cm
Laptopfach (B x L x H)
44 x 30 x 2 cm
Fachzugang durch Reißverschluss 39 cm breit
Top-Fach (B x L x H)
27 x 11 x 7 cm
Flache Außenfächer (B x L)
32 x 21 cm / 32 x 20 cm

Drei Einsatzszenarien

Man kann diesen Rucksack sowohl als Fotoausrüstungstransporter als auch als Reiserucksack benutzen. Für letzeres sind einfach die Innenpolster zu entfernen. Auch eine gemischte Nutzung ist denkbar.

Als reiner Fotorucksack

Für mittelgroße Aufträge fasst dieser Rucksack mein wichtigstes Equipment:

  • im Hauptfach
    • 2 Spiegelreflexkameras
    • 4 Objektive
    • 2 Blitze
    • Ersatzakkus und Ladegeräte
    • diverse Kleinteile für Fotografie, Blitz und Video
    • Netzkabel, Netzteil, USB-Kabel
  • in den Außenfächern
    • Laptop & iPad

Das Stativ trage ich meist händisch, könnte es aber auch über die zuvor entfernte Außenschlaufe an der Rucksackseite montieren.

Als Fotorucksack mit Daypack

Das ist die für mich attraktivste Variante. Wenn ich zu meinen zweitägigen Workshops fahre, dann nehme ich neben einer schlanken Demo-Fotoausrüstung auch Wechselwäsche und Kulturbeutel mit. Alles passt in diesen Rucksack, so dass ich nur mit einem einzigen Handgepäckstück unterwegs sein kann.

  • im Hauptfach
    • 1 Spiegelreflexkamera
    • 2 Objektive
    • Reisestativ
    • diverse Kleinteile für Fotografie
    • Zollstock
    • Präsenter
    • Kamera-Datenblätter für Teilnehmer
    • Netzkabel, Netzteil, USB-Kabel, HDMI-Kabel
    • kleine Wäschetasche
    • flache Wäschetasche (Hemden, T-Shirt)
  • in den Außenfächern
    • Laptop & iPad
  • im Deckelfach
    • handgepäcktauglicher Kulturbeutel

Als Reiserucksack

Hier ist jede Konfiguration denkbar. Beispielsweise fasst der Rucksack neben Wechselwäsche und Kulturbeutel  1 Hemd, 1 Pullover, 2 T-Shirts, 1 Hose, Halbschuhe und natürlich auch Laptop und Tablet. Damit ist man für den Wochenend-Trip gut aufgestellt.

Was mir nicht gefällt

Die Liste der mir bislang abverlangten Zugeständnisse ist relativ kurz und für meinen Einsatzzweck ganz sicher zu verschmerzen:

  • Die flexiblen Nylon-Trenner im Hauptfach und das Hauptfach selbst wären besser komplett mit dem vielfach üblichen Flausch-Material überzogen. Dann könnte die Einrichtung völlig individuell erfolgen.
  • Die Schieber für die wichtigsten Reißverschlüsse haben leider keine vergrößerten Ösen für das Anbringen eines Schlosses oder Stahlkabels. Dann ließe sich der Rucksack ver- und anschließen.
  • Der Markenaufdruck „inateck“ sieht sehr preiswert aus. Jedoch haben andere Produkte aus dem gleichen Hause an dieser Stelle ein erhabenes Emblem, was für einen edleren Eindruck sorgt.

Fazit

Soweit – sogut. Endlich ein Rucksack, der in etwa meinen Wünschen entspricht. Auch qualitativ macht er einen sehr guten ersten Eindruck. Und er verspricht, sehr variabel einsetzbar zu sein.

Jetzt kommt es darauf an, wie er sich in der Praxis bewährt. Sobald Ergebnisse vorliegen, werde ich an dieser Stelle berichten.

 
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